Aktuelles & Wissenschaft

#Netzwerktreffen gesundes Personal

Das Netzwerk Gesundheitswirtschaft Münsterland e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Akteure der Gesundheitsversorgung im Münsterland bündelt und vernetzt. grund:gesund war Teil des dritten Netzwerktreffens „BGM in der Pflege“. Gemeinsam mit weiteren Teilnehmern aus der Pflegebranche, Beratern des BGM und Interessierten haben wir die optimalen Voraussetzungen für die nachhaltige Einführung eines BGM erarbeitet. Mit Unterstützung vom Beratungs- und Bildungszentrum DiaConsult aus Münster diskutierten wir folgende Themenfelder:

  • Grundlagen für ein nachhaltiges Betriebliches Gesundheitsmanagement?
  • Handlungsfelder in einem ganzheitlichen BGM?
  • Vernetzung und Akteure im BGM?
  • Förderliche und hinderliche Einflussfaktoren in der Umsetzung eines nachhaltigen BGM?

Es war ein spannender Austausch, der uns noch einmal auf die vielfältigen und ganz unterschiedlichen Herausforderungen in der Pflege aufmerksam gemacht hat.

Hierzu konnte grund:gesund bereits im vergangenen Oktober einen Beitrag auf der Fachveranstaltung Caring, Cleaning, Cooking an der Justus Liebig-Universität in Gießen unter der Federführung von Frau Prof. DR. Meier-Gräwe leisten, den wir im Folgenden gerne anhängen:

 

Aufwertung und Neubewertung von weiblich konnotierter Dienstleistungsarbeit. Wie kommen wir weiter?

Eine Altenpflegerin berichtet – Mein Arbeitsalltag im Wahnsinn

Ich habe heute zwölf Patienten zu versorgen. Meine anfangs gute Laune sinkt mit all den Infos, die ich am Morgen über meine Patienten erhalte. Schnell steht fest, heute wird es stressig, anstrengend und belastend zugleich. Business as usual – so nennt man das, oder?

Bis auf drei Patienten können sich alle nicht selbst versorgen. Ich schnappe mir meine Ausrüstung. Leider hat es die Wäscherei heute noch nicht zu uns geschafft, sodass ich schnell noch in vier Zimmer sausen muss, um Wäsche bei meinen Kollegen zu klauen.

Los gehts. Blutdruck, Puls, Temperatur, Blutzuckerspiegel, Insulin spritzen, Tabletten, Patienten umlagern, nach vier Stunden in der derselben Position wird es mehr als Zeit dafür.

„Guten Morgen Frau Schmitt, gut geschlafen? Nein? Warum denn nicht?“ Vier meiner Patienten läuten gleichzeitig, und der Fahrdienst will auch schon den ersten Patienten abholen. „Einen Moment bitte.“ Der Patient riecht nicht gerade gut, und als ich schnell die Windelhose öffne, kommt mir schon die Duftwolke entgegen.“ Gib‘ mir nur fünf Minuten“, rufe ich dem Fahrer zu. Intimbereich waschen, Wäsche wechseln, umdrehen, neu anziehen. Schnell beruhigen? Das geht oft nicht.

Eine andere Patientin will ich gerne duschen. Leider erkennt sie mich heute nicht mehr und begrüßt mich drohend mit ihren Krücken. „Komm Du mir ja nicht her, du Teufel hast mich entführt“, ruft sie mir völlig entsetzt zu. Ich setze mich im sicheren Abstand zu ihr und versuche, ihre Krücken zu fassen zu kriegen. Ganz schnell hat sie meinen Zeigefinger zwischen den Krücken eingequetscht, sodass ich laut aufschreie. Vor lauter Wut drückt sie noch fester zu. Endlich kommt jemand, um mir zu helfen. Zu zweit schaffen wir es, die Frau zu beruhigen.

Zurück zu einer Parkinsonpatientin, die leider noch nicht fertig ist mit anziehen – das schafft sie nur noch sehr langsam. „Ich komme gleich wieder“, rufe ich ihr zu und tauche im nächsten Zimmer unter. Dort habe ich zwei Frauen mit Schlaganfällen, die neben Ihrer Halbseitenlähmung auch noch Sprach- und Schluckstörung haben. Die Patienten müssen sich mit ihrem Zustand erst einmal selber auseinandersetzen, fliegendes Pflegepersonal verstört sie da eher. Ich habe ja auch einen gewissen Pflegeanspruch an mich selbst, dem ich gerecht werden möchte. Ich tue also so, als ob ich alle Zeit der Welt hätte.

Ich überlege, wie ich diese Zeit wohl wieder reinholen kann – nach nur einer Stunde Dienstbeginn, fährt mein Kopf schon wieder Karussell. Egal – schnell zur nächsten Frau und gar nicht groß nachdenken.

Ihr geht es leider nicht mehr gut. Man kann hier nur noch hoffen, dass sie bald sterben darf. Aber auch hier kann und will ich nichts im Eiltempo machen. Pflege an Sterbenden braucht Zeit, emotionale Stärke, Ruhe und Verlässlichkeit. Also bloß keine Hektik, egal wie eng getaktet mein Arbeitsalltag im Wahnsinn auch sein mag.

(Reportage über den Pflegenotstand an deutschen Kliniken, im Stern September 2008)

 

Weiblich konnotierte Dienstleistungsarbeit findet in Deutschland besonders in der Gesundheitswirtschaft statt. Über 4 von 5 Millionen Beschäftigte sind weiblich.

Betrachtet man in diesem weiten Feld der gesundheitswirtschaftlichen Dienstleistungsarbeit die Pflege, so intensiviert sich dieses weiblich konnotierte Bild noch einmal.

Denn laut der aktuellen Pflegestatistik arbeiten in Deutschland ca. 1 Millionen Beschäftigte in der Pflege – 850.000 davon sind Frauen.

Der amtierende Gesundheitsminister hat hierzu kürzlich auf einer Fachveranstaltung der gesetzlichen Krankenversicherungen (BKK Bundesverband) im Zuge des neuen Gesetzes zur Stärkung der Prävention folgendes pointiert: „Die vielen Mitarbeiterinnen in unseren Pflegeeinrichtungen geben jeden Tag ihr Bestes, um für pflegebedürftige Menschen da zu sein. Es ist die gemeinsame Aufgabe der Verantwortlichen auf allen Ebenen für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen. Dazu gehört eine moderne Ausbildung, der Abbau von unnötiger Bürokratie, eine angemessene Bezahlung genauso wie eine gute Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz.“

Gesund Arbeiten durch zielgruppenorientierte betriebliche Prävention und – ich gehe noch einen Schritt weiter, durch ein ganzheitliches und systemisches Betriebliches Gesundheitsmanagement in Pflegeeinrichtungen kann diese weiblich konnotierte und gesellschaftlich so wichtige und wertvolle Dienstleistungsarbeit auf- und neubewerten.

Hierdurch befähigen wir insbesondere die Arbeitsnehmerinnen gesund und leistungsstark ein ganzes Arbeitsleben lang ihrem Dienstleistungsanspruch gerecht zu werden und Sinnhaftigkeit und Handlungsfreiheit in ihrer Aufgabe zu erleben.

Wie sieht ein ganzheitliches und systemisches Betriebliches Gesundheitsmanagement aus?

Was sind die Erfolgsindikatoren beim Aufbau gesunder Strukturen und zur Stärkung gesunder Arbeitsweisen, um die beschriebene weiblich konnotierte Dienstleistungsarbeit neu und aufzuwerten?

Auch für solche Fragen steht grund:gesund als Ansprechpartner zur Verfügung. Sprechen Sie uns an!